Nooteboom und das Reisen

Unzählige Male schrieb Nooteboom über das Phänomen, wie es kommt, dass er immer mal wieder seine Koffer packen will. In New York, stad van het verdwijnen (New York, Stadt des Verschwindens) aus der Sammlung von Reiseerzählungen über Amerika, De zucht naar het Westen (1985; auf deutsch erschienen in Auf der anderen Wange der Erde – Reisen in den Amerikas, 2008) gibt er einen der möglichen Beweggründe an: „Das geheime Ziel aller Reisen ist das Einswerden mit der fremden Bevölkerung. In New York braucht man dafür nichts weiter, man ist seine eigene Camouflage. Zwischen Syriern, polnischen Juden, Maoris, Italienern und Wikingern ist man nur ein weiterer Schatten, ein anderer Dividend (…). Das ist etwas, das vielen Menschen anscheinend Angst einjagt. Mich zieht es an, auch wenn ich noch immer nicht weiß, warum.“


„Warum reisen Sie so viel?“ Das ist die Frage, die Cees Nooteboom im Laufe seines Lebens am häufigsten gestellt wurde. Im Eröffnungsessay In het oog van de storm (Im Auge des Sturms) aus Nootebooms Hotel (2002) zitiert er einen arabischen Philosophen aus dem zwölften Jahrhundert, Ibn al-Arabi, der schrieb, dass eine Reise „so genannt wird, weil sie den Charakter des Menschen offenbart, oder, um es einfacher auszudrücken, für denjenigen, der allein reist: auf Reisen lernt man sich selbst kennen.“ Aus demselben Essay: „Vielleicht ist es so, dass sich der wahre Reisende immer im Auge des Sturmes befindet. Der Sturm ist die Welt, das Auge ist das, womit er die Welt betrachtet. Im Auge ist es still und wer sich darin befindet, kann gerade die Dinge unterscheiden, die den Sesshaften entgehen.“


Neben Nootebooms Freundin Simone Sassen ist der Fotograf Eddy Posthuma de Boer wahrscheinlich derjenige, der die meisten Reisen in Gesellschaft des Schriftstellers mitgemacht hat. Als sie sich Mitte der Fünfziger Jahre kennen lernten, sollte dies der Beginn einer lebenslangen Freundschaft werden. Nooteboom ging nach Rio de Janeiro und bat Posthuma de Boer, Fotos zu machen – das war die erste Reise, die sie zusammen unternahmen. Für Zeitungen und Zeitschriften hat Nooteboom in den Sechziger Jahren bereits viele Artikel geschrieben. Im August 1968 erschien ihr erster gemeinsamer, eine Reportage unter dem Titel Bitter Bolivia. Beide verspürten einen enormen Drang, hinaus zu ziehen. Sie wollten die Welt so sehen, wie sie ihnen nach dem Krieg versprochen wurde. Reisen war eine „enorm euphorische Tätigkeit, immer wieder machte man sich Hände reibend auf den Weg.“


„Der Reiseautor kann am besten mit einem Fotografen verglichen werden“, schrieb Nooteboom 1982 im Holland Herald, der Zeitschrift der KLM (königliche Luftfahrtgesellschaft). „Fotografie ist eine intensivere Art des „Sehens“. Kein Fotograf ist einfach nur unterwegs. Den Luxus, einfach nur um sich herum zu schauen, kann er sich nicht erlauben. Er sieht keine Landschaften, er sieht Fotos, Bilder von der Wirklichkeit, so wie sie dann vielleicht auf einem Foto abgebildet werden.“ In seinem Fotobuch Voor het oog van de wereld (1996) beschrieb Eddy Posthuma de Boer seinen Freund als unsteten Reisenden, der “in Wort und Tat” häufig improvisiert. Er verlegt die Routen, weicht von Plänen ab, überlegt sich morgens, dass er doch etwas anderes machen möchte, als er am Abend zuvor geplant hat. Posthuma de Boer sah ihn hin und her überlegen, „nachdenken und aus einem riesigen Reservoir von Sehnsüchten, Triebfedern und geistigem Reisegepäck schöpfen. Das Schöne ist, dass das, was er mit so einer Reise wollte und das, was ich vor Augen hatte, meistens nahe beieinander lagen. Es führte doch zu einem einzigen Gedanken.“



Aus: Margot Dijkgraaf, Nooteboom en de anderen. Amsterdam, De Bezige Bij, 2009.


Die Welt, eine Reisende

kaartEine Übersicht der vielen Orte auf der ganzen Welt, die Nooteboom in seinen Werken beschrieben hat. Hier klicken


Reisebücher

Een middag in Bruay. Kolumnen, Reisegeschichten. De Bezige Bij, Amsterdam 1963.


Een nacht in Tunesië. Kolumnen, Reisegeschichten. De Bezige Bij, Amsterdam 1965.


De Parijse beroerte. Essay. De Bezige Bij, Amsterdam 1968.


Een ochtend in Bahia. Kolumnen, Reisegeschichten. De Bezige Bij, Amsterdam 1968.


Bitter Bolivia, Maanland Mali. Reisegeschichten. De Bezige Bij, Amsterdam 1971.


Een avond in Isfahan. Reisegeschichten. De Arbeiderspers, Amsterdam 1978.


Voorbije passages. Reisegeschichten, Essays. De Arbeiderspers, Amsterdam 1981.


Waar je gevallen bent, blijf je. Kolumnen, Reisegeschichten, Essays (Privé-domein 89). De Arbeiderspers, Amsterdam 1983.


De zucht naar het Westen. Reisegeschichten. De Arbeiderspers, Amsterdam 1985.


Het Spaanse van Spanje. Reisegeschichte. De Bijenkorf, Amsterdam 1986.


De wereld een reiziger. Reisegeschichten, Essays. De Arbeiderspers, Amsterdam 1989.


Berlijnse notities. Reportagen, Essays. De Arbeiderspers, Amsterdam 1990.


Vreemd water. Reisegeschichten, Essays. De Arbeiderspers, Amsterdam 1991.


De omweg naar Santiago. Reisegeschichten, Essays. Atlas, Amsterdam 1992.


De koning van Suriname. Erzählungen. Muntinga, Amsterdam 1993.


De atlas van Cees Nooteboom. Reisegeschichten mit Foto’s von Eddy Posthuma de Boer. Atlas, Amsterdam 1993.


Van de lente de dauw. Oosterse reizen. Reisegeschichten, Essays. De Arbeiderspers, Amsterdam 1995.


De filosoof zonder ogen. Europese reizen. Reisegeschichten, Essays. De Arbeiderspers, Amsterdam 1997.


Nootebooms Hotel. Reisegeschichten, Essays. Atlas, Amsterdam 2002.


Het geluid van Zijn naam. Reizen door de Islamitische wereld. Reportagen, Reisegeschichten, Gedichte. Atlas, Amsterdam 2005.


Tumbas. Graven van dichters en denkers. Essay. Met foto’s van Simone Sassen. Atlas, Amsterdam 2007


Verleden als eigenschap. Kronieken 1961/1968. Herausgegeben von Arjan Peters. Atlas, Amsterdam 2008.


Berlijn 1989/2009. Reportagen, Essays. De Bezige Bij, Amsterdam 2009.


Journal de bord. Verre reizen. Reisegeschichten. De Bezige Bij, Amsterdam 2009 (in voorbereiding).






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Romancier
1955 erschien sein Debütroman Philip en de anderen (Philip und die anderen, dt. 2003). Nooteboom war damals zweiundzwanzig Jahre alt.
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Cees Nooteboom ist vor allem für seine Romane und seine Reisebücher bekannt. Für ihn selbst steht jedoch die Lyrik an erster Stelle. MEHR


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still_kunstbeschouwer
Viele Essays von Nooteboom handeln von Kunst, vor allen von den Bereichen, in denen das Sehen eine zentrale Rolle spielt: Malerei, Architektur, Film und Fotografie. MEHR


cees_nu_uit_de



docuceesdeDie Bilder stammen aus dem Doku- mentationsfilm Hotel Nooteboom (2009). Heinz Peter Schwerfel begleitete Cees Nooteboom in dem Jahr, als der Schriftsteller siebzig Jahre alt wurde und in Deutschland seine gesammelten Werke erschienen. Ein Portrait mit Archivmaterial, reizvollen Landschaften und Städten, Interviews und Textausschnitten, die vom Autor persönlich vorgelesen wurden.

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