Nooteboom als romancier

1955 erschien sein Debütroman Philip en de anderen (Philip und die anderen, dt. 2003). Nooteboom war damals zweiundzwanzig Jahre alt. Wo kam die Inspiration her?


„Auf meiner ersten großen Reise traf ich ein französisches Mädchen, das in meinem Roman in ein chinesisches Mädchen verwandelt wurde und nach dem die Hauptperson in ganz Europa sucht. Ich habe ihre Briefe aufbewahrt, aber sie nie wieder gelesen, eine gewisse Scheu hält mich davon ab. Wir haben uns aus den Augen verloren, ich weiß nicht, ob sie noch lebt. Ich kam in Luxemburg zu ihr nach Hause, ihr Vater war Direktor eines Radiosenders. Ich erinnere mich noch gut, wie der Mann, wenn er nach Hause kam, seiner Frau einen Kuss auf ihre Schulter gab. Bonsoir madame, sagte er dann.“


Der deutsche Philosoph Rüdiger Safranski schrieb ein Nachwort für Philip en de anderen, in dem er die Romantik des Buches gegen die Distanz schaffende Ironie in den späteren Werken absetzt. Nooteboom selbst erkennt sich dagegen noch ohne weiteres in dem jungen Mann, der den Roman schrieb:

„Jemand, der sich das Bild eines Saales voller Klaviere und einer einzigen Person, die darauf spielt, ausdenkt, ist mit jemandem, der über einen Mann schreibt, der in Amsterdam ins Bett geht und in Lissabon aufwacht, verwandt. In meiner Rede in Berlin habe ich gesagt, dass ich Zynismus und Sarkasmus nicht als Ausweg gewählt habe. Davon bin ich überzeugt. Ich kann sehr zynisch und sarkastisch sein, aber nicht als Lebenshaltung.“


Gewissermaßen ist er noch immer der Romantiker von früher. „Man wird natürlich schon gegerbt. Die Welt ist sehr gut darin. Jeder beginnt mit Talent, jeder hat eine Kerze, die brennt. Die meisten Menschen lassen sie ausgehen oder sie wird von anderen ausgeblasen. Das fängt schon sehr früh an. Ein Kind malt ein Haus mit einer viel zu großen Sonne. Die Proportionen stimmen nicht, sagt der Erwachsene. Dann ist man schon mit dem Ausblasen beschäftigt. Oder ein Kind erzählt eine Geschichte, die nicht wahr ist. Du hast gelogen, sagt ein Erwachsener. Nein, das Kind hat es sich ausgedacht. Man muss gegen jeden Wind angehen, in jeden Sturm hinaus, versuchen, die Kerze brennen zu lassen. Daher sind viele deiner Handlungen in der wirklichen Welt Mimikry, denn das hält einen fest.“


Ist das Schreiben im Laufe der Jahre einfacher geworden als es am Anfang war?


„Im Gegenteil. Da ist immer wieder eine Schwelle, die man überschreiten muss, um eine neue fiktionale Dimension zu betreten. Das Schreiben einer Geschichte ist für mich ein Alibi für das Schreiben selbst. Die Geschichte interessiert mich nicht, mich interessiert das Schreiben. Das Entdecken von Dingen. Eine Geschichte ist ein Kleiderständer, an dem man das Schreiben aufhängen kann. Wenn man das sehr intensiv getan hat, so wie ich es in Allerzielen (Allerseelen, dt. 1999) getan habe, dann hat man keine Lust, sich sofort wieder neue Personen auszudenken. Darum finde ich Autoren wie Vestdijk auch so rätselhaft. Als Junge war ich von seinen Büchern fasziniert, jetzt schaue ich mit Fassungslosigkeit auf die enorme Menge. Das ist für mich unmöglich. So gesehen bin ich vielleicht kein echter Romancier.“


„Ich habe immer Mühe mit dem Schreiben gehabt. Ich bin immer von einem Auftrag gerettet worden. Nicht, dass ich an die Arbeit gesetzt werden muss, denn ich arbeite immer. Mokusei! (dt. 1993) schrieb ich, weil die Avenue mich nur für eine Novelle nach Japan gehen ließ und nicht für einen Reiseerzählung. Het volgende verhaal (Die folgende Geschichte, dt. 1994) war ein „boekenweekgeschenk“, auch ein Auftrag, und was für einer. Rituelen (Rituale, dt. 2007) war kein Auftrag, obwohl mein Verleger Theo Sontrop gesagt hat, dass er mir die Beine brechen würde, wenn ich nicht mit einem Roman ankommen würde. Allerzielen wollte selbst geschrieben werden. Vielleicht sind es deswegen meine beiden wichtigsten Bücher, auch wenn man das natürlich selbst nie weiß. Ein Auftrag ist nicht das Schlechteste für einen Schriftsteller.“


Aus: Margot Dijkgraaf, Nooteboom en de anderen. Amsterdam, De Bezige Bij, 2009


Romane

Philip en de anderen. Roman. Querido, Amsterdam 1955. Nieuwe editie 2009 (tiende druk) met nawoord van Rüdiger Safranski, De Bezige Bij, Amsterdam.


De ridder is gestorven. Roman. Querido, Amsterdam 1963. Nieuwe editie 2009 (zevende druk) met een voorwoord door Connie Palmen, De Bezige Bij, Amsterdam.


Rituelen. Roman. De Arbeiderspers, Amsterdam 1980. Nieuwe editie 2009 (drieëntwintigste druk) met een inleiding van A.S. Byatt, De Bezige Bij, Amsterdam.


In Nederland. Roman. De Arbeiderspers, Amsterdam 1984.


Het volgende verhaal. Roman. CPNB/De Arbeiderspers, Amsterdam 1991.


Allerzielen. Roman. Atlas, Amsterdam 1998. Nieuwe editie 2009 met nawoord van Lázlo Földényi, De Bezige Bij, Amsterdam.


Paradijs verloren. Roman. Atlas, Amsterdam 2004.

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docuceesdeDie Bilder stammen aus dem Doku- mentationsfilm Hotel Nooteboom (2009). Heinz Peter Schwerfel begleitete Cees Nooteboom in dem Jahr, als der Schriftsteller siebzig Jahre alt wurde und in Deutschland seine gesammelten Werke erschienen. Ein Portrait mit Archivmaterial, reizvollen Landschaften und Städten, Interviews und Textausschnitten, die vom Autor persönlich vorgelesen wurden.

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