Nooteboom als Kunstbetrachter

Viele Essays von Nooteboom handeln von Kunst, vor allen von den Bereichen, in denen das Sehen eine zentrale Rolle spielt: Malerei, Architektur, Film und Fotografie. In der Antrittsrede des Professors Harry Bekkering in Nijmegen wurde Nooteboom als jemand charakterisiert, der mehr Wert „auf seinen eigenen Blick legt, als auf die kunsttheoretischen Reiseführer oder Handbücher, die Unbefangenheit erscheint ihm als Voraussetzung.“ Sein Blick ist schweifend, bildet eigene Assoziationen und setzt Akzente ohne sich auf die Meinung der anderen zu verlassen. Bekkering: „Lass mich ruhig in Unschuld umherschweifen, könnte man vielleicht sagen, ist sein kunsttheoretischer Leitsatz.“


In der Laudatio, die Hans van Mierlo bei der Verleihung des P.C. Hooftprijs hielt, sagte er unter anderem folgendes: „Du hast das außergewöhnliche Talent, die Bilder, die du siehst, Kunstwerke oder Situationen, wörtlich zu übersetzen, das bedeutet, in Sprache zu verwandeln, die sich die Leser dann wieder bildlich vorstellen können, das bedeutet, die Sprache wieder in ein Bild verwandeln. Du verfügst in hohem Maße über das, was die Griechen und Römer früher  Ekphrase nannten, eine Stiltechnik der suggestiven Verwortung des Gesehenen. Berühmte historische Beispiele dafür sind die Reliefbeschreibungen des bronzenen Waffenschildes des  Archilles durch Homerus und die Beschreibungen des Schildes des Aeneas durch Vergilius.“


Van Mierlo nannte Nooteboom den „unangefochtenen Meister im Hervorbringen von Landschaften, Städten, Kathedralen, Klöstern und bildhaften Kunstwerken. Seine Beschreibungen von Farben, Geräuschen, Gerüchen, Wetterlagen werden durchzogen von dem, was das Wahrgenommene bei ihm auslöst: Gefühle von Erstaunen, Bewunderung, Freude, Melancholie, in denen der Leser seine eigenen Emotionen erkennt und das Gefühl bekommt, dass er etwas liest, was er schon einmal gesehen, aber vergessen hat.“


Einem anderen Freund von Nooteboom, Rudi Fuchs, fällt auf, wie sehr sich ihre beiden Arbeitsweisen unterscheiden. „Meistens schreibt Cees die Kunst einfach herunter“, sagt er. „Zum Beispiel seine Texte über Velásquez. Wenn ich über ein Bild schreiben sollte, dann würde ich damit beginnen, es immerzu zu umkreisen. So würde ich immer dichter herankommen. Cees beginnt sofort, von den Dingen abzuschweifen. Er sucht die Schatten, Phantasiegestalten, Reflexe. Das macht er sehr gut. Die Kunst, die er schön findet, kennt diese Art von Aspekten. Cees versucht, ein Gemälde, Bild oder Skulptur auch in einen kulturhistorischen Zusammenhang zu bringen. Er reist dorthin.“


Wohin geht Nooteboom, wenn er abschweift? „Zu einer Geschichte, bei Cees ist alles eine Geschichte. Bei anderen Autoren führt das zu einer These oder einer Moral, einem Standpunkt. Bei ihm ist das viel weniger der Fall. Er ist ein Gondoliere. Das Schreiben schaukelt so schön. Das ist in den Niederlanden ungewöhnlich, in anderen Ländern ist es völlig normal. Im Grunde macht es nichts aus, ob es um Velásquez geht oder um jemand anderen. Es sind Geschichten. Die Bilder sind für ihn Fiktion, das sagt er auch manchmal so. Das ist auch wahr, ein Bild ist ein fiktives Etwas.“


Aus: Margot Dijkgraaf, Nooteboom en de anderen. Amsterdam, De Bezige Bij, 2009


Uit: Margot Dijkgraaf, Nooteboom en de anderen.




Publikationen über Kunst

Nooit gebouwd Nederland. Essay. Koninklijk Verbond van Grafische Ondernemingen, Amsterdam 1980.


Zurbarán & Cees Nooteboom. Essay. Atlas, Amsterdam 1992.


De atlas van Cees Nooteboom. Reisverhalen bij foto’s van Eddy Posthuma de Boer. Atlas, Amsterdam 1993.


Tumbas. Graven van dichters en denkers. Essay en portretten. Met foto’s van Simone Sassen. Atlas, Amsterdam 2007.


Het raadsel van het licht. Kunstbeschouwingen. De Bezige Bij, Amsterdam 2009/Schirmer Mosel, 2009.


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Romancier
1955 erschien sein Debütroman Philip en de anderen (Philip und die anderen, dt. 2003). Nooteboom war damals zweiundzwanzig Jahre alt.
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Unzählige Male schrieb Nooteboom über das Phänomen, wie es kommt, dass er immer mal wieder seine Koffer packen will. MEHR


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Cees Nooteboom ist vor allem für seine Romane und seine Reisebücher bekannt. Für ihn selbst steht jedoch die Lyrik an erster Stelle. MEHR


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docuceesdeDie Bilder stammen aus dem Doku- mentationsfilm Hotel Nooteboom (2009). Heinz Peter Schwerfel begleitete Cees Nooteboom in dem Jahr, als der Schriftsteller siebzig Jahre alt wurde und in Deutschland seine gesammelten Werke erschienen. Ein Portrait mit Archivmaterial, reizvollen Landschaften und Städten, Interviews und Textausschnitten, die vom Autor persönlich vorgelesen wurden.

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